Tollwut bedroht noch immer unzählige Menschen- und Tierleben, insbesondere in Asien und Afrika. Für die Bekämpfung der Erkrankung fehlen jedoch vielen Regionen die Mittel. Darum engagiert sich Tierärzte ohne Grenzen e.V. mit der Kampagne „Impfen für Afrika“ gegen Tollwut in Afrika.

Inhaltsverzeichnis:

Tollwut in Afrika kostet tausende Leben

Jedes Jahr kostet die tödliche Viruserkrankung fast 60.000 Menschen das Leben, wobei ungefähr 95 Prozent der Todesfälle in Asien oder Afrika vorkommen. Besonders tückisch ist, dass die Erkrankung nach ihrem Ausbruch nicht heilbar ist und häufig vom besten Freund des Menschen übertragen wird: 99% der Menschen, die aufgrund von Tollwut in Afrika versterben, haben sich durch Bisse oder Kratzer tollwütiger Hunde infiziert. Als Haus-, Hirten- oder Wachhunde leben die Vierbeiner in enger Nähe zu den Menschen und bergen damit ein besonders hohes Übertragungspotential. Die Kosten einer Tollwutimpfung sind für die Einwohner:innen der betroffenen Regionen zu hoch – die Menschen sind auf die Unterstützung von Tierärzte ohne Grenzen angewiesen.

Impfkampagne gegen Tollwut in Afrika

„Impfen für Afrika“ hat 2018 in Kenia mit dem Kampf gegen die Tollwut in Afrika begonnen und wurde seitdem auf Uganda und Südsudan ausgeweitet. Die Helfer:innen organisieren umfangreiche Impfungen gegen Tollwut beim Hund, mit Erfolg: In betreuten Projektregionen sind neue Infektionen nur noch Einzelfälle. Das Ziel, bis 2030 die Tollwut in Ost-Afrika auszurotten, rückt langsam näher.

Wir haben von Leonie Theis von Tierärzte ohne Grenzen e.V. mehr über die Impfkampagne „Impfen für Afrika“  und das Thema Tollwut in Afrika erfahren.

Interview: So wird Tollwut in Afrika bekämpft

Wie würden Sie die Arbeit und die Ziele der Kampagne für den Kampf gegen Tollwut in Afrika zusammenfassen?

Deutschlandweit unterstützen Tierarztpraxen unsere Aktion Impfen für Afrika und spenden 50% ihrer Impfeinnahmen aus dem Aktionszeitraum mit dem Ziel, Tollwut in Ostafrika bis 2030 auszurotten.

Ohne Schutzimpfung verläuft eine Tollwutinfektion nahezu immer tödlich. Die häufigste Ursache einer Infektion ist der Biss durch infizierte Hunde. Tierärzte ohne Grenzen führt deshalb Impfkampagnen durch, bei denen Hunde und Katzen geimpft werden und gleichzeitig über die Erkrankung sowie den Schutz und die Wirkung einer Impfung aufgeklärt wird. Eine Impfung hierzulande schützt also nicht nur den eigenen Vierbeiner, sondern auch das Leben der Menschen und ihrer Tiere in unseren Projektländern in Ostafrika.

Wie viele Tierärzte und Tierärztinnen beteiligen sich? Ist die Aktion auf Deutschland beschränkt oder gibt es auch in anderen Ländern (bspw. Österreich, Schweiz) gleiche oder ähnliche Aktionen, die helfen, die Tollwut in Afrika zu bekämpfen?

Wir führen die Aktion in diesem Jahr bereits zum 17. Mal durch und deutschlandweit nehmen mehr als 1.300 Praxen teil. Auch andere Vétérinaires Sans Frontières-Organisationen, die dem Vétérinaires Sans Frontières International-Netzwerk angehören, veranstalten ihre eigenen Kampagnen, so auch in der Schweiz und in Österreich.

Neben der Durchführung von Impfungen gegen Tollwut in Afrika führt Ihr Projekt Aufklärungsarbeit durch. Wie sieht die aus? Was sollte man unbedingt über Tollwut wissen?

Zum Beispiel in Europa, wie auch in Deutschland oder in den USA wurde die Tollwut durch konsequente Impfungen von Haus-, und phasenweise sogar Wildtieren sowie durch Aufklärungsarbeit erfolgreich bekämpft. Ergänzt wurden diese Maßnahmen durch die Anzeigepflicht für Tollwut oder die Einführung des EU-Heimtierausweises. Von diesem Erfahrungsschatz an wirksamen Maßnahmen profitieren leider nicht alle: Weltweit sterben nach wie vor ca. 59.000 Menschen an den Folgen einer Tollwutinfektion, davon alleine 21.000 in Afrika!

In unseren Projektländern Kenia, Uganda und bald auch dem Südsudan führen wir unsere Impf- und Aufklärungskampagnen vor allem in Regionen durch, in denen es kaum einen Zugang zu veterinärmedizinischen Dienstleitungen gibt. Vor den Aktionstagen führen wir in den jeweiligen Orten Gespräche mit führenden oder angesehenen Gemeindemitgliedern, wie z.B. den Dorfältesten. Diese tragen dann unsere Botschaft an die anderen Gemeindemitglieder weiter - ein besonders wichtiger Schritt, denn nur mit dem Vertrauen der Gemeinden können wir unsere Kampagne erfolgreich durchführen. Auch die Einbeziehung der staatlichen Veterinärbehörden vor Ort ist wichtig und eine Selbstverständlichkeit für uns. An den Aktionstagen richten wir Impfstationen ein, an denen von uns ausgebildete, lokale Impfteams die Tollwutimpfungen und u.a. auch Wurmkuren verabreichen. Während der Behandlung führen wir Gespräche mit den Tierhalter:innen und erklären unser Vorgehen. Parallel zu den Impfungen machen wir z.B. Workshops mit den Kindern der Gemeinden, um ihr Auge möglichst früh zu schulen.

Seit Beginn des Projekts in Kenia sind noch Uganda und dieses Jahr Südsudan dazu gekommen. Gibt es Pläne, die Impfkampagne in den nächsten Jahren auf weitere Länder zu erweitern? Wo ist Tollwut in Afrika ebenfalls verbreitet?

Neben Kenia, Uganda und dem Südsudan, sind das Äthiopien, Somalia und der Sudan. Hier prüfen wir, wo es die Möglichkeit gibt, das Tollwutprojekt auszudehnen. Aber auch in anderen Projekten werden Tollwutimpfungen nach Möglichkeit integriert.

Welche Gelder braucht die Organisation, um ihr Ziel bis 2030 zu erreichen? Wie viel kosten die Impfungen, beispielsweise eine Impfung? Lässt sich das einschätzen?

In Deutschland kostet eine Impfung beim Tierarzt ca. 30 Euro - das bezieht sich auf die Impfung und die vorherige Allgemeinuntersuchung.

In Ostafrika kostet eine Tollwutimpfung ca. 2,40 US-Dollar (ca. 2,03 Euro). Hinzu kommen in unserem Fall dann noch etwa 5 bis 10 Cent für Wurmtabletten.

Welche Gelder benötigt werden, um Tollwut in Afrika endgültig ein Ende zu setzen, kann man nicht genau sagen. Wir arbeiten mit vielen Organisationen in verschiedenen Regionen gemeinsam an diesem Ziel und orientieren uns an der globalen Strategie zur Bekämpfung von Tollwut “Zero by 30”, initiiert durch die FAO, die OIE, die WHO und die Global Alliance for Rabies Control.

Seit 2008 gilt Deutschland als tollwutfrei. Welche Maßnahmen schützen uns davor, dass die Krankheit eingetragen wird? Werden diese auch in Regionen umgesetzt, in denen Ihre Projekte Erfolg zeigen?

Seit 2008 gilt gemäß den Kriterien der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) Deutschland offiziell als tollwutfrei. Dies ist über die systematische Bekämpfung bzw. orale Immunisierung der Füchse, die als Hauptüberträger gelten, sowie durch konsequente Impfungen von Haustieren gelungen. In Westeuropa gingen zuletzt aufgetretene Tollwutfälle beim Menschen auf im Ausland erworbene Infektionen zurück (letzter Fall in Deutschland ereignete sich nach einem Hundebiss eines Touristen in Marokko). Daher sollten sich Reisende in Tollwut-Endemiegebiete gegen Tollwut impfen lassen, insbesondere wenn eine vermehrte Tierexposition wahrscheinlich oder ein längerer Aufenthalt in Gebieten mit schlechter Gesundheitsversorgung geplant ist. Dazu sollte man sich mit Sofortmaßnahmen für den Fall eines Bisses (also der Postexpositionsimmunprophylaxe) vertraut machen, wozu unter anderem das „Auswaschen des Erregers“ gehört, das heißt, kontaminierte Wunden sollten sofort und ausgiebig mit Wasser und Seifenlösung gereinigt werden.

Eine Überprüfung des tollwutfreien Status erfolgt jährlich im Rahmen einer passiven Surveillance, bspw. über Beprobung verendeter oder getöteter Wildtiere (Fledermäuse, Füchse, Dachse, Waschbären, Mader, etc.) und wird europaweit im Rabies Information System der WHO erfasst.

In unseren Projektregionen haben wir Tollwut-Monitoring-Konzepte implementiert und kombinieren diese mit unseren regelmäßigen Impf- und Aufklärungskampagnen, um Ausbrüche der Infektionskrankheit vorzubeugen.

Haben Sie Erlebnisse oder Erfahrungen im Zusammenhang mit Tollwut in Afrika gemacht, die besonders einprägsam waren? Was für Erwartungen und Wünsche haben Sie für die Zukunft des Projekts?

Bei einem Projektbesuch 2018 erzählte uns einer der Pastoralisten, wie das Kind eines Freundes von einem tollwütigen Hund gebissen wurde. Der kleine Junge konnte zwar ins Krankenhaus ausgeflogen werden, aber starb dann trotzdem, da die Postexpositionsprophylaxe doch zu spät verabreicht wurde. Das war 2016 in der Massai Mara in Kenia. Die Zahl der gemeldeten Fälle ist seit wir dort impfen stark zurückgegangen. Und das ist auch schon unser größter Wunsch: es sollte kein Kind, kein Erwachsener - es sollte einfach niemand mehr an Tollwut sterben müssen!

Den Kampf gegen Tollwut in Afrika unterstützen

Wenn Sie das Projekt gegen Tollwut in Afrika unterstützen möchten, können Sie Ihr Haustier im Zeitraum vom 03.05. bis 07.05.2021 und vom 27.09. bis 01.10.2021 in einer teilnehmenden Tierarztpraxis impfen lassen, denn dann werden 50% der Impfkosten an Tierärzte ohne Grenzen gespendet. Ihr Vierbeiner braucht keine Impfung, sie wollen aber trotzdem helfen? Dann können Sie jederzeit spenden, Fördermitglied werden oder Produkte im Charity-Shop erwerben.

Foto: © Tierärzte ohne Grenzen e.V.

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